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Es lebe der Regionalkrimi!

Eine ganz persönliche Annäherung.

Im Nachdenken über Susanne Mischkes Äußerung “Der Trend zum Lokalen kommt den deutschen Krimiautoren natürlich entgegen. ”

Um es vorwegzunehmen. Ich habe nichts gegen Regionalkrimis.

Im Gegenteil, ich liebe es, wenn die Macht der Bücher so groß wird, dass sie es vermögen, die Schritte in meinem wirklichen Leben zu lenken.

Und ich liebe die deutschen Regionen. Und wenn beides zusammenpasst, muss ich im Urlaub nicht lange überlegen, welchen Berg ich erklimmen, welchen See ich umrunden und in welche Stadt ich meine Füße setzen werde. Und wenn ich es recht überlege, bin ich süchtig nach regionalen Besonderheiten. Ich fahre nach Worpswede, um das Licht über den Mooren zu fühlen, das Paula Modersohn- Becker und Heinrich Vogler zu ihren einzigartigen Bildern anregte und ich schaue mir in Murnau das Russenhaus an, in welchem Gabriele Münter und Wassily Kandinsky einst zusammenwohnten.

Warum sollte es bei einem Krimi anders sein? Ja, ich habe nach dem Lesen von „Voodoo“ nachgeschlagen, an welchen Grenzen Haiti liegt, Asa Larssons eisige Naturschauplätze haben mich angeregt, Kiruna auf dem Atlas zu suchen und nach „ Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ wollte ich unbedingt mehr über die Geschichte der Inuit erfahren.     

Und sollte ich eines Tages nach Düsseldorf kommen, werde ich es nicht versäumen, den historischen Richtplätzen aus Sabine Klewes „Blutsonne“ nachzuspüren.

Ich werde niemals in der Verortung eines Geschehens einen Indikator für die Qualität eines Kriminalromans sehen. Sowohl ich zugeben kann, dass Krimis, die in einer Großstadt angesiedelt sind, nach einem anderen atmosphärischem Umfeld verlangen als Krimis, die in weiten Landschaften spielen und so einer anderen Prüfung standhalten müssen.

Trotzalledem ist die Wahl einer Region für mich nicht ausschlaggebend und jeder Krimi könnte sowohl in einer Scheune, auf einem Dachboden, an einer Weggabelung oder einer Straßenkreuzung spielen.

Aber ich lenke womöglich ab, denn hierzulande führt ja der Begriff Regionalkrimi zu den unterschiedlichsten Assoziationen. Während der Leser nach ihnen giert, wie ich aus einschlägigen Presseberichten erfahre, senken Kritiker regelmäßig den Daumen. Und obendrein gibt es noch KrimiautorInnen, die mit dem regionalen Bezug eines Krimis eine Erleichterung des Schreibprozesses verbinden.

Ich habe inzwischen einige Regionalkrimis gelesen, von Verlagen herausgegeben, die dieses Qualitätsmerkmal auf ihre Fahnen geschrieben haben, und ich suchte, nachdem ich einige dieser Bücher enttäuscht zur Seite gelegt habe, nach dem einenden Band.

Ich denke, diese KrimiautorInnen tragen das Regionale wie ein Schild vor sich her, weil sie sich dahinter besser verstecken können. Es ist die Flucht vor der Idee, die sie vereint.

Nein, nicht dass ich falsch verstanden werde, diese Autoren vermögen es natürlich, eine gute, unterhaltsame Geschichte zu bauen. Schließlich muss man auch dafür Ideen einbringen und Zeit investieren, bis der Plot festgezurrt ist. Mir fällt auf, dass die Geschichten meistens von den Personen resp. Schauplätzen her erzählt werden. Täter, Opfer und Angrenzende werden in eine beschauliche Landschaft gestellt und einem Abzählreim gleich wird ein Verdächtiger ausgezählt. Sehr wirkungsvoll ist es, den Täter als voraussetzungsloses Monster zu zeichnen, damit ein hoher Gruseleffekt erreicht wird. Eines, das an der nächsten Häuserecke lauert, weil sich durch den Einfall in das Wohnumfeld das Bedrohliche noch wesentlich steigern lässt. Ja sicher, dem Ungeheuer wird auch noch eine Kindheit angeheftet. Vater, Mutter oder gleich beide müssen wahlweise durch erniedrigende, vernachlässigende oder überbehütete Erziehungsmethoden dafür stehen, dass ein Unmensch eingefühlt durch die Geschichte geistern kann.

So war es für mich auch nicht verwunderlich, dass Sabine Klewe in ihrem Krimi „Blutsonne“ den zaghaften Ansatz eines größeren Konflikts schnell beigab und den Mörder lieber mit einem mordlustigen Charakter ausstattete. Es sind die kleinen Konflikte, gerne auch als Familiengeheimnisse eingeführt, die diese so genannten Regionalkrimis nicht hochkommen lassen. Und in diesem Kontext verstehe ich Susanne Mischke, die meint, deutschen Krimiautoren falle es leichter, Regionalkrimis zu schreiben.

Anders verhält es sich, wenn ich von einer Idee her erzähle. Hier fungiert ein Schauplatz als immanenter Bestandteil eines Themas. Eine Region, im weitesten Sinne des Wortes, ist mit der Idee so verschmolzen, dass ein anderer Schauplatz schlecht vorstellbar wird.

Ich will es an einem persönlichen Erlebnis verständlicher machen. Als junges Mädchen wollte ich unbedingt Strindberg auf der Bühne erleben. In meinem Kopf  Vorstellungen von Geschlechterkampf und Frauenemanzipation. Ausgerechnet „Ein Volksfeind“ war das erste Stück, das ich von ihm gesehen habe. Ein Badearzt, der sich gegen die Missstände in einem Kurbad wehrt, rief bei mir so gar kein gesteigertes Interesse hervor und die Einbettung eines Dramas in kommunalpolitische Zusammenhänge schien mir von vornherein suspekt. Im Nachhinein wurde mir bewusst. Ein Schauplatz, so nebensächlich er auch scheint, um große Kunst auf der Bühne zu zeigen, so wichtig ist seine Wahl bei der Umsetzung einer Idee und es leuchtete mir ein, dass Strindberg sein Drama in genau diesen Rahmen einordnen musste.

Immer wenn ich als Zuschauer oder Leser zu dem Gefühl komme, dass Schauplätze und Ideen in einer zwingenden Weise zusammengehören, dann ist für mich ein Indiz für gute Literatur gegeben.

In diesem Monat hatte ich wieder einmal dieses Gefühl. Als ich einen Krimi las, der in einem Shoppingcenter abseits der Metropolen spielt. Ein Shoppingcenter auf einem ehemaligen Fabrikgelände, und ich nehme an, es existiert ein reales Vorbild, einen langweiligeren Schauplatz konnte man nicht wählen, dachte ich. Nach der Lektüre begriff ich, dass es der beste aller möglichen Orte ist, den die Autorin für die Umsetzung ihres Themas gewählt hat. Es ist ein großartiges Buch. Ein Debütroman. Catherine O’ Flynn „Was mit Kate geschah“ (ab März im Buchhandel).

Und wenn ich bei einem Schreibseminar erklären müsste, was einen guten Krimi von einem mittelmäßigen unterscheidet, würde ich diesen zur Pflichtlektüre erheben.

Es lebe der Regionalkrimi!

 

Henny Hidden

 


Ein Kommentar zu “Es lebe der Regionalkrimi!”

  1. dolcevita

    hi Henny,

    wow - du bist ja wirklich online!!! Herzlichen Glückwunsch, sieht toll aus, ist schön hier. ;-)
    Mehr zu deinem Artikel später, nur schnell noch die Info, dass der Link auf diese Seite auf der “Krimilady-Seite” ins Nirvana führt. Habe dich jetzt nur durch Zufall hier gefunden.

    LG

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